9.5.2016.
Die Einsätze der Bundeswehr in Afghanistan und auf dem Balkan haben viele Rückkehrer hervorgebracht. Dennoch haben Veteranen bisher keinen festen Platz in unserer Gesellschaft. Wer als Veteran gilt, ist in Deutschland immer noch umstritten.

Sie haben noch keinen festen Platz in unserer Gesellschaft: Wenn wir Veteranen sagen, denken viele noch an die Heimkehrer aus dem zweiten Weltkrieg. Oder sie schalten schnell auf die Gegenwart um und erkennen die Einsatzrückkehrer der Bundeswehr aus dem Kosovo und vor allem aus Afghanistan. Manche wehren sich gegen den Begriff Veteranen, weil ihm eine unangenehme militärische Aura anhängt, und wollen ihn durch „Einsatzrückkehrer“ ersetzen; andere haben sich im Bund deutscher Veteranen oder bei den Combat Veterans organisiert und streiten darüber, wer ein echter Veteran sein kann und darf. Nachfolgend werden beide Begriffe synonym verwendet.

120.000 Veteranen – und ihre Zahl wächst

Traditionell versteht man unter Veteranen Heimkehrer aus dem Krieg. Sie brechen in das soziale Gefüge der Nachkriegszeit ein, wie nach dem Ersten Weltkrieg. Sie beanspruchen besondere soziale Vergünstigungen, weil sie sich für das Vaterland verdient gemacht haben, sie fordern Dank und Respekt. In manchen Ländern genießen Veteranen dauernde gesellschaftliche Achtung, ihr Status wird fast zu einem Namenszusatz, wie in den USA.

In Deutschland gibt es bis heute keine offizielle Definition, wer Veteran ist und welche Rechte und Pflichten damit verbunden sein sollen. 2013 lieferte der damalige Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière eine erste Beschreibung: Veteran oder Veteranin sei, „wer ehrenhaft aus dem aktiven Dienst in der Bundeswehr ausgeschieden ist und als Angehöriger der Bundeswehr im Ausland an mindestens einem Einsatz oder einer besonderen Verwendung im Rahmen von humanitären, friedenserhaltenden oder friedensschaffenden Maßnahmen teilgenommen hat.“ Nach dieser Definition gibt es mittlerweile mehr als 120.000 Veteranen in Deutschland. Und ihre Zahl wird wachsen, weil bereits neue Mandate für Auslandseinsätze durch den Bundestag beschlossen wurden.

Seit de Maizières Vorstoß stockt die Debatte – auch wenn das Bundesverteidigungsministerium an einem neuen Veteranenkonzept arbeitet. Viele Fragen sind offen: Können auch aktive Soldaten mit Einsatzerfahrung Veteranen sein? Muss man „Feindberührung“ gehabt haben, um als Veteran gelten zu dürfen? Und kann der Veteranenstatus auch jenen zugebilligt werden, die einfach als Soldaten der Bundeswehr gedient haben und ehrenhaft entlassen wurden?

Keinem Land fällt es so schwer wie Deutschland, Einsatzrückkehrer als Erscheinung der neuen deutschen Rolle in der globalen Sicherheitspolitik wahrzunehmen und „einzuordnen“. Dies ist keineswegs eine Aufgabe, die allein den Militärs zusteht, denn hier geht es auch um Angehörige, Hinterbliebene, um Fragen des Alltags und der Sozialversicherung, und vor allem um Anerkennung und die Stellung der Veteranen im politischen und gesellschaftlichen Machtgefüge unserer Republik.

Worum geht es also, wenn wir sagen, die Veteranen haben noch keinen festen Platz in unserer Gesellschaft?

Veteranenforschung: Was wir wissen (müssen)

Systematisch beschäftigt sich die Wissenschaft erst wieder mit den Veteranen, seitdem die Bundeswehr in Auslandseinsätzen tätig ist. Vor allem Afghanistan, aber auch schon die Einsätze auf dem Balkan in den 1990er Jahren, haben viele Rückkehrer hervorgebracht, die sich zunehmend bemerkbar machen: Sie wollen speziell versorgt werden, erwarten und fordern ihre Reintegration in die Bundeswehr bzw. in die zivile Gesellschaft außerhalb des Militärs. Ihre Nostalgie nach dem Einsatz und ihre gestörten privaten Beziehungen sind gleichermaßen auffällig und werden vielfach in den Medien thematisiert. Filme, TV-Serien und eine Vielzahl von Büchern stellen nicht nur die Position der Einsatzrückkehrer dar, sondern erklären den Menschen den Krieg, aus dem sie kommen.

Die Forschung auf diesem Gebiet ist schwierig, da die Bundeswehr sehr zurückhaltend mit der Freigabe wichtiger Strukturdaten ist und weil jede Forschungsdisziplin und jedes Politikfeld ein eigenes Interesse und Zugangsverfahren für Statistiken, Definitionen und Interpretationen dieser Daten anmeldet. Dabei können jedoch einige Vorannahmen hilfreich sein, um Alltagserfahrung mit Rückkehrern und wissenschaftliche Erkenntnisse zu verbinden: Zunächst – kein Mensch wird als Veteran geboren. Doch einmal Veteran bleibt er es ein Leben lang. Sein Soldatsein hingegen ist nur ein Lebensabschnitt – in der Soziologie spricht man von einer sozialen Statuspassage. Einsatzrückkehrer bleiben auch nach ihrer aktiven militärischen Laufbahn Veteranen, selbst wenn sie zurück im zivilen Leben andere und zusätzliche Positionen einnehmen.

Wie Veteranen von der Gesellschaft wahrgenommen werden, unterscheidet sich zum Teil erheblich: Der aktive Kämpfer und auch der Verwundete können ganz anders wahrgenommen werden als der heimgekehrte, von PTBS (post-traumatische Belastungsstörung) geplagte, entwurzelte oder seine Erlebnisse verdrängende Veteran: der eine als vermeintlicher „Held“, der sein Leben für das Vaterland riskiert hat, der andere möglicherweise als „Opfer“, das eine Belastung für sein soziales Umfeld darstellt. Das hängt auch davon ab, welchen gesellschaftlichen und politischen Rückhalt die Auslandseinsätze und der Soldatenberuf genießen. Von der Wertschätzung der Bundeswehr in der Bevölkerung lässt sich aber nicht zwangsläufig auf die Achtung und den respektvollen Umgang mit Veteranen in Öffentlichkeit und Alltag schließen.
(Über)Leben nach dem Einsatz

Was wir über Veteranen wissen, kommt nicht immer unverzerrt und gradlinig bei der Öffentlichkeit und den Medien an. Für alle Veteranen gilt, dass der Einsatz im Ausland, im Rahmen von militärischen Interventionen oder humanitären Einsätzen, das weitere Leben beeinflusst. Oft gilt, dass Kampferfahrung dem Leben nach dem Einsatz eine entscheidende Wende gibt, nicht immer in die gleiche Richtung: Viele Einsatzrückkehrer verlieren ihren sozialen Halt, ihre Bindungsfähigkeit an Familie und Umwelt, und ihre reflektierte Identität; andere wiederrum reifen und gewinnen eine neue, selbstbewusstere Persönlichkeit, ohne deshalb zu Militaristen oder Kämpfernaturen zu werden. Es gibt hier sehr viele Faktoren, die genau erforscht werden müssen.

Kameradschaft und Angst um die Anerkennung durch andere ebenso wie Todesangst in Extremsituationen sind wesentliche Bestandteile, die das künftige Leben nach dem Einsatz beeinflussen. Hier hat sich die Wissenschaft aufgemacht, genaueres zu erkunden, was nicht einfach ist, weil viele Rückkehrer, ihre Familien und Vorgesetzten, vor allem aber viele Kameraden abblocken, wenn es um die tieferen Schichten der Einsatzerfahrung geht. Wir wissen auch, dass bei vielen Veteranen die Tatsache, dass sie überlebt haben, wichtig für ihre Selbstwahrnehmung ist: Unbewusst konkurrieren sie damit mit den Toten, nunmehr unangreifbaren Kameraden, oder mit den „Helden“ der Einsätze.

Keine einheitliche soziale Gruppe

Gerade in diesem Punkt muss neben der Wissenschaft auch die politische Bildung ansetzen: Was müssen die Öffentlichkeit und die Medien, aber auch Familienangehörige, Freunde und Kollegen, Kameraden und Mitrückkehrer, von den Veteranen wissen? Von einer sozialen Gruppe, die Teil dieser Gesellschaft ist, und doch irgendwie außerhalb steht, manchmal stehen will. Es vermischen sich verschiedene Haltungen und Interessen, die keine einheitliche soziale Gruppe sichtbar werden lassen.

Generell lassen sich zwei Haltungen bei Veteranen unterscheiden: Die eine setzt auf Deutungshoheit, d.h. sie erklärt ihrer Umwelt, wie der Krieg (= Einsatz, Kamperfahrung) wirklich ist und war, und dass sie, die Rückkehrer, berufen sind, ihn zu bewerten, zu kritisieren und oft politisch oder moralisch zu verallgemeinern. Die andere Haltung schließt sich ab von der Öffentlichkeit und meint, nur wer selbst die Einsatzerfahrung gemacht hat, kann die Erzählung vom Krieg verstehen und würdigen. Beide Haltungstypen gehen auch in Interessenpolitik ein: Viele Rückkehrer wollen eine besondere Versorgung und Unterstützung bei der Reintegration in die Gesellschaft, der sie sich oft nach kurzer Zeit entfremdet fühlen, auch wenn der Einsatz nur sechs Monate gedauert haben sollte.

Eine besondere Gruppe sind die Einsatznostalgiker, die die Kameradschaft und die Gefahr, oder beides, vermissen und so oft es geht in den Einsatz („an die Front“?) zurückkehren wollen, nicht selten dann auch für private Sicherheitsdienste und nicht mehr „für Deutschlands Sicherheit/Freiheit“, wie die Einsätze oft begründet wurden. Eine kleine Gruppe argumentiert nach dem Einsatz ausdrücklich politikkritisch. Dabei finden sich alle Variationen, von neu erwachtem Pazifismus bis zu der Forderung nach mehr militärischer Stärke und Einsatzbereitschaft.

Dies bleibt natürlich den Medien und der Politik nicht verborgen. Nun ist es schwierig für die bewussten Nachkriegsdemokraten, die neuen Formen von Kriegs- und Kampferinnerung aus der Tradition zu entlassen; für viele aber sind die Veteranen willkommener Anlass, die demokratische Bundeswehr und den Kampfauftrag der Deutschen neu zu definieren, mit einem Wort, den „Staatsbürger in Uniform“ für überholt zu erklären.

Eine Gesellschaft muss lernen, mit ihren Veteranen umzugehen

Wir wissen also eine Menge über Veteranen. Schwierig bleibt es, an die psychische Verfassung und an den „Körper“ der Veteranen heranzukommen. Einige Studien (siehe Literaturhinweise) beschreiben, wie die Rückkehr in Familie und an den Standort aufgefasst wird. Die Heimkehrer-Literatur, aber auch journalistische Einzelfall-Recherchen geben hier ein meist negativeres Bild ab als die zusammenfassenden Studien. Die Körperstudien werden oft „literarisch“ verarbeitet. Aber dieser Körper spielt natürlich eine große Rolle: Er wird im Kampf riskiert, verletzt, geschunden; er wird tätowiert, versteckt, bebildert und er spielt nach der Rückkehr aus dem Einsatz einen wichtigen Part bei der Integration in Familie und Gesellschaft. Damit wird auch verständlich, warum bisher nur vom Veteranen, dem männlichen Subjekt also, die Rede ist. Es wird sich ändern, immer mehr Veteraninnen kehren aus dem Einsatz zurück und werden das Bild dieser neuen sozialen Gruppe prägen. Dann wird sich auch die maskuline Rede von den Veteranen verändern müssen, überhaupt, wenn die Bundeswehr weitere Soldat*innen rekrutieren muss, um Auslandseinsätze bestehen zu können.

Tabuthemen, wie Sexualität im und nach dem Einsatz, Treue und Heimweh, Partnerbeziehungen und Ersatzhandlungen, die über Kameradschaft begründet werden, sind oft nur Symptome für eine Gesellschaft, die nicht gelernt hat, mit ihren Einsatzrückkehrern umzugehen. Das gilt im Übrigen auch für Rückkehrer*innen, die aus zivilen Zusammenhängen wieder nach Deutschland kommen. Werden sie nicht offen und nachhaltig integriert, entwickeln beide Gruppen auffällige Verhaltensweisen, die die Gefahr von Konflikten in der Gesellschaft in sich bergen. Dabei geht es nicht nur um Verhalten, sondern auch um Werte, Normen und Tugenden.

Literatur:

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Autor: Michael Daxner für bpb.de

über den Autor
Michael Daxner

Prof. Dr. Dr. hc Michael Daxner ist Sozialwissenschaftler und Konfliktforscher. Er ist derzeit Teilprojektleiter im Sonderforschungsbereich „Governance in Räumen begrenzter Staatlichkeit“ der Freien Universität Berlin. Zuvor war Daxner Präsident und Professor für Soziologie an der Universität Oldenburg. Er war mehrfach beratend für die österreichische Bundesregierung und internationale Organisationen tätig. Daxner forscht und veröffentlicht v.a. zu Interventionen und Friedenseinsätzen.